Die Speisung der 4000 – und jene der 5000

Nötiges theologisches Hintergrundwissen zur Deutung der Textstellen: Die Speisung der 4000 und der 5000

von Daniel Rossa

Die Speisung der 4000 (Mk 8,1-9) entstammt dem Evangelium nach Markus. Da Mk Grundlage für das Evangelium nach Matthäus und Lukas ist,1 die Speisung der 4000 aber neben Mk nur noch in Mt (15,32-39) Aufnahme gefunden hat, kann man durchaus annehmen, dass bereits Lk die Geschichte von der Speisung der 4000 als eine Doublette zur bekannteren und/oder eindrucksvolleren Geschichte von der Speisung der 5000 (Mk 6,30-44) betrachtet hat.

Tatsächlich weisen beide Geschichten eine starke Parallelität auf und weichen nur in kleineren Details voneinander ab. Allerdings fällt ein wesentlicher Unterschied ins Gewicht: Während die Speisung der 5000 sich bei Mk geographisch in der Umgebung von Jesu Heimatort und damit in einem jüdischen Gebiet abspielt, findet die Speisung der 4000 im Gebiet der sog. Dekapolis („Zehn Städte“) statt. Dieses Gebiet ist mehrheitlich von Nicht-Juden be- wohnt. Damit erzählt die Geschichte der Speisung der 5000 von einem Mahl von Juden unter sich, die Speisung der 4000 von einem (dem ersten?) gemeinsamen Mahl Jesu mit Nicht- Juden. Dies ist insoweit eine Besonderheit, als dass Juden zur Zeit Jesu aufgrund der für sie geltenden Speisevorschriften i.d.R. nicht gemeinsam mit Nicht-Juden gegessen haben, um sicherzugehen, dass sie ihre Speisevorschriften auch einhalten.

Insofern besitzt die Speisung der 4000 durchaus eine ganz eigene Bedeutung neben jener Speisung der 5000: Indem Mk sie erzählt möchte er deutlich machen, dass Jesus die von ihm verkündigte und gelebte Gottesherrschaft – d.h. den gottgewollten Zustand menschlichen Zusammenlebens, in dem Gott unter den Menschen wohnt – nicht allein auf das jüdische Volk begrenzt sehen wollte, sondern schon zu Lebzeiten über diese Exklusivität hinausgegangen sein soll und die Botschaft von Gottes Herrschaft, dem Friedensreich, das Gott unter den Menschen aufrichte, an alle Menschen gerichtet hat.

Es gibt noch andere Hinweise dafür, dass darin der entscheidende Unterschied zwischen beiden Speisungen zu sehen ist: So lässt Jesus bei Mk in Kap. 7, durch welches beide Spei- sungen (die in Kap. 6 und 8 stehen) miteinander verbunden werden, bzgl. Reinheits- bzw. Speisevorschriften verlauten: „Es gibt nichts, was von außen in den Menschen hineingeht, das ihn unrein machen könnte; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist’s, was den Menschen unrein macht.“ (Mk 7,15) Mk selbst deutet diesen Satz so: „Damit erklärte er alle Speisen für rein.“ (7,19b) Darauf folgt dann noch eine Unterredung mit einer Griechin (Mk 7,24-30) – einer der Einwohnerinnen der Dekapolis(!)4 – die Jesus um Hilfe für ihre Tochter bittet. Jesus will ihr diese Hilfe zunächst verwehren(!), weil er sich dort noch maßgeblich zu Israel gesandt sieht. Denn er vergleicht die Israeliten mit Kindern, denen er zu essen gibt und die bittende Griechin und ihre Tochter mit Hunden, die vom Essen etwas abhaben wollen. Das erkennt die Frau sogar an, bittet jedoch demütig, aber – in dem sie in Jesu Bild bleibt, es aber weiter ausschmückt – ebenso geschickt darum, als „Hund“ dann doch wenigstens von den Krümeln zu bekommen, die bei der Speisung der Kinder „unter den Tisch fallen“. Auf diese Argumentation lässt sich Jesus ein und hilf der Tochter der Frau. Diese Bewegung auf die Nicht-Juden zu wird unmittelbar vor der Speisung der 4000 noch einmal verstärkt durch einen Bericht der Heilung eines Taubstummen im Gebiet der Dekapolis – vermutlich also ebenfalls ein Nicht-Jude.

Durch Jesu Worte während der Heilung, die er gen Himmel spricht, „Tu dich auf!“, wird nicht nur dem Nicht-Juden Ohr und Mund geöffnet, um die Botschaft von dem Reich Gottes, das Jesus verkündet, recht zu verstehen und weiterzugeben. Ebenso gilt Jesu Ausruf auch dem Himmel selbst(!) als Befehl, seine Pforten für diesen (und alle anderen?) Nicht-Juden aufzutun, ihm (ihnen) offen zu stehen. Der Text eines bekannten Kanons trifft die Botschaft dieser oszillierenden Doppelreferenz im Reden Jesu ziemlich gut: „Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf.“ Hierauf folgt nun endlich die Speisung der 4000, in der Jesus ernst damit macht, dass die neue Wirklichkeit des Reiches Gottes eine Wirklichkeit ist, in der der Abstand zwischen Juden und Nicht-Juden selbst beim alltäglichen Essen eingeebnet ist, der Himmel also allen offen steht und das Reich Gottes auf alle übergegangen ist/übergehen soll: Für das Reich Gottes, wie es Jesus bei Mk von da an verkündet, dürfte also gelten: „Alle Menschen werden Brüder“! Das verbirgt sich hinter Jesu Seereisen „ans andere Ufer“ in Mk: Sie drücken – ebenso wie die Speisung der 4000 – aus, dass er sich (ab der Begegnung mit der Griechin aus der Dekapolis?) mit seiner Botschaft von Gottes Reich nun auch an die Heiden, d.h. an alle nicht-jüdischen Völker richtet – deren Nachfolger wir sind. Für uns ist die Speisung der 4000 also nicht zu unterschätzen.

Dass sich die Speisung der 5000 auf das jüdische Volk bezieht wird auch an der Zahlensymbolik der schließlich am Ende der Speisung auf wundersame Weise übrig gebliebenen zwölf Körbe mit Brot deutlich: Die Zwölf steht symbolisch für die endzeitliche Fülle des traditionell aus zwölf Stämmen bestehenden Volkes Israel, das am Ende aller Zeit – am „jüngsten Tag“, dem „Tag Jahwes“ – mit dem Anbruch von Gottes Herrschaft wieder vereint werden soll. Durch die Erzählung der Speisung der 5000 wird diese Vereinigung erzählt und hierdurch bereits in gewisser Weise vorweggenommen und vollzogen – quasi in Form einer positiv wirksamen „poetic justice“, die dem Volk Israel hier Gerechtigkeit widerfahren lässt. Bei der Speisung der 4000 sind es sieben Körbe, die über bleiben. Sie können ihrerseits Aufschluss darüber geben, wer diese Erzählung tradiert hat: Denn die Zahl Sieben könnte gewählt sein „in Analogie zu Leitungsgremien jüdischer Diasporagemeinden“6 – für jüdisches Leben also, dass bereits in einer von Nicht-Juden dominierten Gesellschaft stattfindet. Ähnlich wird die Zahl Sieben etwa für die in der Jerusalemer Urgemeinde eingesetzten ersten (sieben!) Diakone gebraucht, die berufen wurden (Apg 6,1-7), um für die „griechischen“, also die aus der Diaspora stammenden, Gemeindemitglieder zu sorgen, die vernachlässigt worden waren.

Und auch die Zahl 4000 besitzt Symbolcharakter: Sie bildet nicht nur ein Vielfaches von 40 als Zahl der Vollkommenheit und kann deshalb als Hinweis auf die Vollständigkeit aller Menschen und Völker gedeutet werden. Sondern sie ist auch ein Vielfaches der Zahl Vier, so dass man die Erzählung von der Speisung der 4000 auch so deuten könnte, das es sich um „Menschen aus allen Völkern [handelt], die sich aus den vier Himmelsrichtungen bei Jesus versammelt haben“.

Innerhalb der Theologie ist viel darüber nachgedacht worden, wie die wundersame Brotvermehrung bei beiden Speisungen zu verstehen ist: Einerseits symbolisiert sie als Erzählung das ganz- und heilmachende Wirken Gottes in menschlichem Leben, das aus mickerig wenig (hier: zu essen) plötzlich Fülle und Vollkommenheit werden lässt. Hierbei geht es also darum, diese Wirkung, die man im eigenen Leben – und wie bei der Sättigung mit Brot und Fisch „am eigenen Leib“ – spüren kann, zu beschreiben. Aus Sicht vieler Theologen wäre es aber zu wenig, wenn in dieser Geschichte von Jesus bloß ein allgemein menschlich nachvollziehbarer Gefühlszustand beschrieben und mit dem Wirken Gottes in Verbindung gebracht würde. Denn Jesus kam es darauf an, dass das Reich Gottes bereits angebrochen ist – und zwar maßgeblich in seinem und durch sein Handeln, in dem es punktuell bereits in die Welt kommt und realisiert wird. So sagt er etwa: „Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.“ (Lk 11,20) Darüber hinaus hat er zur Nachfolge aufgerufen, d.h. dazu, seinem Beispiel zu folgen: Indem er sich um Menschen gekümmert hat, hat er also vorgelebt, wie der Umgang der Menschen miteinander im Reich Gottes aussieht und auch seine Gleichnisse haben davon erzählt, wie das Reich Gottes ist, wie es in ihm (unter den Menschen) zugehen soll/wird/muss, damit es Reich Gottes wird. Da es beim Reich Gottes wesentlich darum geht, wie Menschen miteinander leben, wenn Gott mitten unter ihnen wohnt/wohnen soll, kann Jesus in Lk 17,21b auch folgerichtig darauf aufmerksam machen, dass: „siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Es vollzieht sich also zwischen Menschen, realisiert sich im menschlichen Umgang miteinander. Berücksichtigt man das, so ließe sich eine recht einfache und doch wunderbare Lösung für die wundersame Brotvermehrung finden: Es handelt sich hierbei um das schlichte, aber wirkungsvolle und auf seine Weise wunderbare Wunder der Freigiebigkeit und Solidarität, mit der alle Anwesenden, die in weiser Voraussicht doch etwas für sich selbst zum essen mitgebracht haben, es nun, dem Beispiel der Jünger folgend, die auf Anweisung Jesu bereits den Anfang gemacht haben und ihre eigenen Vorräte den anderen Menschen zugänglich gemacht haben, „unters Volk“ bringen und mit denen teilen, die unbedacht nichts mitgenommen hatten.

Aus dieser Erfahrung des vertrauensvollen Teilens, bei dem jeder vorsichtig genug nimmt, damit niemand zu wenig erhält, um es noch bis nachhause zu schaffen, dadurch aber trotzdem jeder genug hat, um „über die Runden zu kommen“, entsteht genau jenes Gefühl von Fülle, von Heil und Ganzheit unter den Menschen, dass die sieben vollen Körbe symbolisieren sollen, und das die Menschen damals anscheinend in Jesu Gemeinschaft erfahren haben. Dass dies als Gottes Wirkung bzw. als Wirkung von Gottes Geist in und unter den Menschen erkennbar wird, dafür sorgt Jesus selbst durch sein „Tischgebet“: In ihm dankt er Gott (vgl. Mk 8,6) und blickt zum Himmel auf (vgl. Mk 6,41) und lädt darin gerade das sich daraufhin vollziehende menschliche Teilen, das zur Mahlgemeinschaft untereinander führt, mit einer Deutungseben auf, die dieses Geschehen und das daraus entstehende Gefühl in den Menschen als Wirkung von Gottes Herrschaft/Geist in und unter den Menschen qualifiziert.

Fußnoten

1 Mk, Mt und Lk sind die sog. synoptischen (von gr. „synopsis“ = „Zusammenschau“) Evangelien. Sie tragen diesen Namen deshalb, weil große Teile ihres Textes (teilweise sogar wortwörtlich) übereinstimmten – was sich erkennen lässt, wenn man ihre Texte nebeneinander legt. Die breite Mehrheit der Theologen argumentiert auf der Grundlage der sog. Zwei-Quellen-Theorie und betrachtet Mk als das älteste Evangelium, dem die anderen beiden große Teile ihres Stoffes entnommen haben. 

2 So unterscheiden sie sich u.a. in der Zahl der Hungrigen/Gesättigten, der Zahl vorhandener Brote und Fische und in einigen Anmerkungen, die die Begebenheit in Mk 6 etwas ausschmücken. 

3 Diesen Eindruck gewinnt man, wenn man die letzten beiden geographischen Notizen von Jesu eigener Bewegung vor der Speisung der 5000 verbindet: In Mk 6,1 wird von Jesus gesagt „und er kam in seine Vaterstadt“ und nach der Begebenheit dort wird in Mk 6,6b von Jesus weiter berichtet „er ging rings umher in die Dörfer und lehrte.“ 

4 Denn alles nach Mk 6,53 („Und als sie hinübergefahren waren ans Land“) findet bereits „am anderen Ufer“ – in der Gegend der Dekapolis statt. 

5 Daher stammt wohl auch der Ausdruck, „etwas geht vor die Hunde“. 

6 Ebner, M., Von den Anfängen bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts, in: Moeller, B. (Hg.), Ökumenische Kirchengeschichte Band 1: Von den Anfängen bis zum Mittelalter, Darmstadt 2006, S. 15-57, hier: S. 23. 

7 Vgl. dazu ebd.; vgl. außerdem Dschulnigg, P., Das Markusevangelium (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament 2), Stuttgart 2007, hier: S. 217. 8 A.a.O., S. 218.
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